Martyrs (2008)

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Warnung: Diese Blogpost wurde mit Wut geschrieben! đŸ€Ź

Dieser Film sucht mich schon seit Jahren heim. In vielen Toplisten erscheint er als einer der besten Horrorfilme aller Zeiten. Freundinnen und Freunde, die das Genre lieben, empfehlen ihn regelmĂ€ĂŸig. Ich hasse jedoch „Torture Porn“. Es ist ein Subgenre des von mir heiß geliebten Horror Genres, das ich eigentlich meide. Aber was, wenn ich nun ein Genre Meisterwerk verpasse, nur weil ich Angst vor ein paar Ekelszenen habe? Also heute dann anlĂ€sslich des #Spooktobers auf Mastodon:

“Der Höhepunkt der neuen französischen ExtremitĂ€t“: „Martyrs“.
Regie: Pascal Laugier.

Um meinen Unmut formulieren zu können, muss ich hier einmal die Handlung des Films zusammenfassen. Also Vorsicht:

Die kleine Lucie (Jessie Pham) entkommt aus ihrer Gefangenschaft, nachdem sie lange Zeit körperlich und seelisch extrem misshandelt wurde. Als junge Erwachsene (MylĂšne JampanoĂŻ) ist sie davon getrieben, sich an ihren Peinigern zu rĂ€chen. Sie tut sich mit Anna (Morjana Alaoui) zusammen, einer Freundin, die sie im Waisenhaus kennengelernt hat, und gemeinsam begeben sie sich auf einen Rachefeldzug, der sie jedoch nur tiefer in eine untergrĂŒndige Welt der Grausamkeit und Perversion fĂŒhrt. Denn nachdem Lucie die Schuldigen aufspĂŒrt und tötet, nimmt sie sich getrieben durch Halluzinationen das Leben. Es stellt sich heraus, dass die Schuldigen Teil einer geheimen Gesellschaft sind. Im weiteren Verlauf der Handlung gerĂ€t Anna in Gefangenschaft dieser Sekte. Diese glaubt, dass man durch das Erleiden extremen körperlichen Leids Kontakt zu jenseitigen Wesenheiten aufnehmen und Einblick in das Leben nach dem Tod erhalten kann. Ein Konzept, welches ĂŒbrigens bereits von Clive Barker 1986 in „Hellraiser“ wesentlich besser und zumindest mit einer gewissen Erotik umgesetzt wurde.


NatĂŒrlich will kein Mitglied der Sekte dieses Konzept am eigenen Leibe ausprobieren und foltert daher junge Frauen. Im Zuge dessen wird Anna lange brutal gefoltert, bis sie bei lebendigem Leib gehĂ€utet wird. Dabei erlebt sie die von den Sektenmitgliedern angestrebte Transzendenz und versaut ihnen gewaltig den Tag, als sie der SektenfĂŒhrerin das Geheimnis des Jenseits zuflĂŒstert, ohne das wir als Zuschauer verstehen können, was sie sagt. Denn was Anna zu berichten weiß, veranlasst die böse Mademoiselle, sich selbst zu töten.

Der Film beginnt stark, gleitet aber nach der bereits extrem brutalen, expliziten ersten HĂ€lfte in seelenlose Dunkelheit ab. Ab hier erleben wir nur noch die Aneinanderreihung von Grausamkeiten. Das wĂ€re vielleicht verzeihlich, wenn die Filmemacher nicht eine große Portion Pseudophilosophie und Frauenfeindlichkeit dazu mischen wĂŒrden, die sie selbst höchstwahrscheinlich als anspruchsvollen Arthouse Horror empfinden.

Ab diesem Punkt war ich gleichzeitig gestresst und (bei Horror unverzeihlich!) gelangweilt.

Wie viele ekelhafte FĂŒtterung Szenen braucht es? Wie oft und wie lange muss die Kamera drauf halten, wenn eine junge Frau von einem Mann, der doppelt so breit und doppelt so schwer ist wie sie, aufs brutalste stumpf blutig geprĂŒgelt wird?

FĂŒr mich ist “Martyrs” in erster Linie genau das, was ich filmisch nicht mag: Torture Porn. Er zeigt Folter um der Folter willen. Gewalt, um die Schaulust der Betrachtenden zu befriedigen. Erlösung könnte hier möglicherweise ein Ende bieten, dass all dem Grauen Sinn verleiht. Doch leider liefert „Martyrs“ keine solche Auflösung. Er tut nur so. Und wahrscheinlich merkt er das selbst gar nicht. Das Ende enttĂ€uscht mich. Was mich am meisten stört:

Fragen wir uns doch einmal: Was ist ein Martyrium?
Definition laut Oxford Languages:

‘Mar·ty·ri·um
Substantiv, Neutrum [das]

schweres Leiden [bis zum Tod] um des Glaubens oder der Überzeugung willen
“ein Martyrium auf sich nehmen”‘

Tja nun. Niemand stirbt in diesem Film fĂŒr Überzeugungen. Und das ist es, was MĂ€rtyrertum ausmacht. Der Begriff wird hier fĂ€lschlicherweise verwendet. Nichts von dem, wozu Anna am Ende im Stande ist, auf sich zu nehmen, hat mit einem Martyrium zu tun. Ich empfand es so, dass Anna sich entscheidet, ihre Qualen anzunehmen, weil es der einzige Weg ist, ihnen zu entkommen. Das hat nichts zu tun mit: Ich sterbe/opfere mich fĂŒr meine Überzeugung/das, woran ich glaube. Vielleicht erlebt sie im Zuge dessen etwas, was man Transzendenz nennen kann. Aber mit Freiwilligkeit und MĂ€rtyrertum hat das nichts zu tun.

Eine Szene macht mich ĂŒbrigens besonders wĂŒtend:

Anna entdeckt in einem Keller eine gefangene, gefolterte Frau. Die Frau ist nackt, gefesselt. Ihr wurde ein Folterinstrument in Form einer Maske auf schmerzhafte Weise am Kopf befestigt. Aus unerfindlichen GrĂŒnden schleppt Anna die Frau in die Badewanne (?) Und beginnt, die im SchĂ€del der Frau angebrachten Befestigungen selbst (??) zu entfernen. Mein erster Gedanke: Wenn Du jetzt einen Krankenwagen und die Polizei gerufen hĂ€ttest (!!!), wĂ€ren uns die nachfolgenden 45 Minuten des Films erspart geblieben.

Was mir ebenfalls sauer aufstĂ¶ĂŸt, ist “Martyrs” Misogynie. Von Anfang an werden hier ausnahmslos Frauen gefoltert. Halbnackte Frauen, Frauen nur mit Slip und Tank Top bekleidet. Ohne BH. Stets sauber rasiert, obgleich sie Tage, Wochen oder monatelang in Kellern gefoltert wurden. Male gaze, I see you.

Aber wieso eigentlich werden hier nur Frauen gefoltert?

Hat die clever geheime Gesellschaft ihre Testphase mit mÀnnlichen Opfern bereits erfolglos beendet? Tja, erwÀhnt wird das zumindest nicht.

Vielleicht wĂ€re „Martyrs“ in den HĂ€nden einer weiblichen Regisseurin ein anderer Film geworden.

Die Frage, die sich nun stellt: Ist das Kunst, oder kann das weg? Entscheidet selbst. Freiwillig wĂŒrde ich mir „Martyrs“ nie wieder anschauen.